Meer und mehr Gründergeist

DIE SUCHE NACH ERFOLG im digitalen Zeitalter führt nach Israel und Tel Aviv ins Silicon Wadi – wo die Menschen mit Begabung, Bildung und Begeisterung kritische Umstände in Stärken verwandeln.

 

Flucht vor der Realität oder Flucht nach vorn, wenn’s um Digitalisierung geht. Viele Mittelständler wissen wohl, was die bessere Entscheidung wäre. Doch was tun, um im modernen Wettbewerb bestehen zu können? Vielleicht hilft ein Abstand zu sich selbst, und ein wenig Inspiration. Zum Beispiel von einem Ort, der so klein ist wie Hessen (21.000 Quadratkilometer), ungefähr so viele Einwohner hat wie Baden-Württemberg (8,63 Millionen), aber in punkto Digitalisierung so dynamisch und erfolgreich wie sonst nur das legendäre Silicon Valley.

 

Die Rede ist von Israel. 2018 wird das Land 70 Jahre jung und kann eine wirtschaftliche Erfolgsstory erzählen: vom agrar-geprägten Staat mit sozialistischen Zügen – Stichwort Kibbuz – zur Hightech-Hochburg. Nur ein paar Momentaufnahmen, die es dazu brachten: Restriktive Geld-und Haushaltspolitik in den 50er Jahren, Gründung neuer Entwicklungsstädte neben Tel Aviv in den 60ern, Privatisierung von Staatsunternehmen in den 80ern und enorme Investitionen in Entwicklung und Forschung seit den 90er Jahren. Selbst die Finanzkrise und deren härteste Folgejahre 2008/2009 schadeten Israel nicht so sehr wie vielen anderen – auch europäischen – Ländern.

 

Heute liegt die Arbeitslosenquote bei 4,3 Prozent, die Lohnsteigerung bei 3 Prozent, der Schekel ist stabil, die Inflationsrate bei null. Die Ratingagentur Standard & Poors bewertet Israel mit A+ und prognostiziert weiterhin stabiles Wachstum. Dabei war das Umfeld für diese Entwicklung mehr als anspruchsvoll, die Voraussetzungen waren gelinde gesagt schwierig: Kriege an vielen Fronten, bis heute umgeben von Feinden, begrenzt an Ressourcen – ein Melting-Pot verschiedenster Kulturen.

 

Der Technologie-Sektor gehört seit gut zwei Jahrzehnten zu den wichtigsten Bereichen der israelischen Wirtschaft. Von über 5.000 Start-ups und 300 High-Tech-Unternehmen in diesem Bereich ist die Rede. Die Nationenwertung der elektronischen US-Börse Nasdaq bescheinigt Israel mit 100 gelisteten Firmen den zweiten Platz nach den USA – Deutschland hat acht. Hightech-Güter machen heute etwa 45 Prozent des industriellen Exports aus. Stärkster Beleg für die führende Stellung israelischer Firmen in der Hochtechnologie – und keinesfalls Zeichen der Schwäche – war 2017 die Übernahme des Chip- und Software-Unternehmens Mobileye durch den US-Konzern Intel´ für rund 15 Milliarden US-Dollar, umgerechnet etwa 14,2 Milliarden Euro.

 

Heute unternehmen Politiker und Unternehmer aus der ganzen Welt Expeditionen ins heilige Hightech-Land, um zu verstehen: Wie kann ein so kleiner Staat, der mit solchen Widerständen zu kämpfen hat, eine weltweit anerkannte Führungsrolle in der Digitalisierung übernehmen? Dafür gibt es gute Gründe, die wir mit einem zehnköpfigen Redaktionsteam im November 2017 vor Ort hinterfragen wollen.

Tech-Hotspot: Tel Aviv ist Magnet für Menschen aus aller Welt (Foto: Getty Images/sedmak)
Tech-Hotspot: Tel Aviv ist Magnet für Menschen aus aller Welt (Foto: Getty Images/sedmak)

GELD VOM STAAT

Da ist zum einen der Staat. Er stützt die Start-up-Szene und hat beispielsweise ein Programm aufgelegt, das jungen Unternehmen unter die Arme greift: Sogenannte High-Tech-Inkubatoren können für Start-ups, die sie fördern wollen, öffentliches Kapital beantragen. Der Inkubator selbst bringt 15 Prozent des notwendigen Geldes auf. Der Staat gibt einen Kredit über die restlichen 85 Prozent – maximal 800 Millionen US-Dollar. Der Clou: Die Investoren müssen das Darlehen nur im Erfolgsfall zurückzahlen. Das führt dazu, dass Inkubatoren in Unternehmen investieren, von denen sie im Normalfall wohl lieber die Finger lassen würden, weil die Idee vielleicht gut, das Risiko aber zu groß erscheint. Auch ein entscheidender Erfolgsfaktor: Israel ist weltweit führend beim Thema „Forschung und Entwicklung“. Laut OECD fließen in diesen Sektor jährlich zwischen vier und fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

 

ZUSAMMENSPIEL VON FORSCHUNG, START-UPS UND INDUSTRIE

Das führt dazu, dass immer mehr internationale Unternehmen Israels intellektuelles Kapital für sich zu nutzen wissen. Dazu gehören internationale Riesen wie Microsoft, IBM und SAP. Auch deutsche Großkonzerne sind vor Ort: Die Deutsche Telekom startete als eines der ersten deutschen Unternehmen 2006 eine Kooperation mit der Ben Gurion Universität in Tel Aviv. Der Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern Merck etwa kaufte 2015 das Start-up Qlight Nanotech in Jerusalem – einem Entwickler für Display-Materialien. Und Daimler hat 2016 ein Research&Development Center in Tel Aviv gegründet. Adi Ofek, CEO dieses Centers und gebürtige Israelin, sagte 2017 auf der Digital-Konferenz re:publica in Berlin: Israel sei gut darin, Entwicklungen von 0 auf 10 zu katapultieren, die Deutschen brächten sie dann von 10 auf 100.

 

BERUFSARMEE

Viele Israel-Experten sowie die Israelis selbst sehen die unternehmerische wie digitale Dynamik auch in der Berufsarmee begründet. Hier lernen selbst Jüngere früh, Führungsverantwortung zu übernehmen. Sie leiten kleine Einheiten und müssen in schwierigen Situationen mutig, schnell und flexibel entscheiden können. Für Adi Ofek war die Armeezeit die beste Zeit ihres Lebens. Sie hat eine technisch hochwertige Ausbildung absolviert, flache und spürbare Hierarchien erfahren, gelernt für Herausforderungen Lösungen zu finden, die Freiheit zu improvisieren kennen gelernt, ebenso wie Teamgeist.

 

ZUWANDERUNG

Teamgeist, der im Einwanderungsland Israel auch Toleranz erfordert. Menschen mit vielfältigen Wurzeln wie Deutschland, Äthiopien, Iran, Irak, Marokko und seit den 90er Jahren auch verstärkt aus Osteuropa und Russland – leben und arbeiten hier zusammen. Der Regierung gelang und gelingt es noch heute, durch Sprachkurse und öffentliche Programme die vielen neuen Bürger zu integrieren. Israels Gesellschaft erfindet sich quasi ständig neu. Ein Impuls auch für die Wirtschaft im Heiligen Land.

 

BILDUNG UND MENTALITÄT

Früher kamen viele Zuwanderer gänzlich ohne Besitz ins Land – Verlustsangst war daher nicht präsent. Die Denke, nur etwas gewinnen, aber nichts zu verlieren zu haben, hat sich offenbar auch der Nachwuchs-Generation in die DNA gebrannt. Heute kommen Einwanderer ebenso hochmotiviert aber auch gut ausgebildet ins Land. Und treffen dort auf ein ohnehin hohes Bildungsniveau: Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) haben 20 Prozent der Arbeitskräfte einen Universitätsabschluss und auf 10.000 Einwohner kommen 135 Ingenieure – in Deutschland sind es 80. Zum hohen Bildungsniveau gesellt sich die enorme Innovationsbereitschaft. Und da das kleine Israel selbst kaum Expansions-Möglichkeiten bietet, starten quasi alle Gründer mit der Absicht, weltweit agieren zu können. Globales Denken – auch das findet sich in ihrer DNA. Aus der vermeintlichen Schwäche des „Kleinen“ macht Israel eine Stärke. Adi Ofek: „Das Sicherheitsnetz in Israel ist das Netzwerk. Der Markt ist begrenzt, aber sehr verbunden. Man kennt sich.“ Interessantes Detail: Die Israelis telefonieren mehr als dass sie chatten. Der gute alte direkte Kontakt zahlt sich offenbar auch unter Digitaldenkern aus.

 

AUSLÄNDISCHE INVESTITIONEN

Um sich von der wirtschaftlichen Dynamik und dem Start-up-Spirit inspirieren zu lassen, fahren immer mehr ausländische Delegationen ins Silicon Wadi nach Tel Aviv und nicht mehr ins Silicon Valley nach Kalifornien. „Wadi“ kommt aus dem Arabischen wie Hebräischen, heißt so viel wie „Tal“ und lehnt sich ans größere Vorbild an. Von hier kommen Produkte wie der USB-Stick, die Voice-over-IP-Telefonie (Skype) oder der 3D-Drucker. Gregor Schlosser von der Deutsch-Israelischen Industrie- und Handelskammer in Tel Aviv beobachtet wachsendes Interesse am Silicon Wadi: „Nach den großen Unternehmen wie VW, Bosch und Daimler kommen nun auch die Mittelständler.“

 

Autorin: Wencke Menck

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